In der Zeitmaschine ist nichts gealtert...
Sein schlichtes aber märchenhaftes Haus in der Nähe von Köln hat er den Schriftstellern dieser Welt hinterlassen. Autoren von überall her kommen hier in diesem Bauernhaus zusammen, wo Heinrich Böll gemeinsam mit seinen Lieben gelebt hat, schrieb, seine Freunde traf und starb. In dem Haus, in dem auch ich für ein Projekt wohnte, sind jetzt Schriftsteller aus Sri Lanka, China, Iran und dem Kongo. Später vielleicht aus dem Westjordanland, Irland oder Mexiko…. Wir treffen uns in einem grünen Garten und erzählen uns kleine Geschichten. Klein aber schwer...
Morgens öffnest du die Tür und siehst ein Poster an einer Messlatte:
„Aufstehen für den Frieden!” Jeden Morgen, jeden Morgen mitten in der Natur… „Steh auf für den Frieden!“
Dann setzt sich eine seltsame Zeitmaschine in gang. Eine eigenartige Maschine. Eine, die alles gleichzeitig zeigt. Das Alte, das Heute und eine Facette des Heute... Ich bin aufgeregt und hoffnungsfroh. Deswegen möchte ich meine Reise auch nur mit Ihnen teilen, um Zeit damit zu verbringen.
Der letzte Heilige der Literatur
Ich hoffe, dass Sie Heinrich Böll besser kennen als ich. Ich kenne ihn, wie die meisten in der Türkei, von dem Theaterstück „Die verlorene Ehre der Katherina Blum“, das ich gesehen habe. Ich habe dieses Werk nie vergessen, weil in der Türkei auf ähnliche Art und Weise die Ehre von so vielen Menschen verletzt wird. Aber als ich Böll begegnet bin, habe ich mich für meine Unkenntnis geschämt. Seine Romane, seine Geschichten... weil mir sein Leben, das selber ein Kunstwerk ist, fremd war.
Der Nobelpreisträger Heinrich Böll hatte im Nachkriegsdeutschland auf die deutsche Literatur, die Politik und das gesellschaftliche Leben einen sagenhaften Einfluss. Ja, ich sage nicht „ein Schriftsteller“, denn er war für seine Menschlichkeit mindestens so beliebt wie für sein Schreiben. Er beeindruckte auch durch die Liebe, die er lebte.
Auch sein Leben ist eine außenordentliche Geschichte. Ich kannte sie nicht. 1917 wurde er als achtes Kind eines Schreiners in Köln geboren. Bereits in frühen Jahren begann er Gedichte zu schreiben und an kleinen Werken zu arbeiten. Als Student heiratete er seine Jugendliebe. Er stellt sich gegen den zu der Zeit aufkommenden Nationalismus und gegen eine Welle des Faschismus. Als der Krieg beginnt versucht er zu fliehen, aber am Ende winkt er, so wie viele junge Männer, der Uni, der Liebe und dem Leben zum Abschied. Nach dem Arbeitsdienst wird er in den Krieg geschickt. Als Soldat war er im Osten und Westen an der Front, bis er in Gefangenschaft geriet. Nach dem Krieg kehrte er nach Köln zurück, wo er geboren und groß geworden war. Dort erwartet ihn ein Trümmerhaufen. Ein Trümmerhaufen mit mindestens 20.000 Toten! Im Laufe der Geschichte hatte es nie eine fremde Macht verstanden, trotz langer Besetzungen, die Stadt ganz zu erobern und Köln, das sich nie in eine Form pressen oder militarisieren ließ, hatte sich unter 262 Bomben in ein Ruinengrab verwandelt! Heinrich Böll dreht der Stadt, den Menschen nicht den Rücken zu. „Köln ist eine große Stadt. Mit den Worten „Und jetzt ist es sogar ein Weg zur Hoffnung, in dieser zerstörten Stadt zu wohnen" versucht er inmitten des Hasses, des Blutes, des Todes und der Zerstörung die Wunden zu heilen. Trotz Krieg und Tod kommen hintereinander drei Kinder zur Welt - auf diesem Friedhof! Noch dazu in dieser Armut! Er möchte sein Studium fortsetzen, schafft dies aber nicht, weil er arbeiten muss. Er arbeitet zu geringen Löhnen. Denn die Tantiemen reichen nicht. In einem Brief an seinen Lektor schreibt er: „Manchmal glaube ich, dass es Aufgaben für mich im Bereich Literatur geben wird. Aber die Literatur ist es nicht wert, dass meine Frau und meine Kinder auch nur einen einzigen Moment erleben müssen.“ Er hat nicht mal das Geld, seine Knieverletzung, die er von einer Mine hat, zu behandeln. Als er keine Arbeit hat, verlässt er fünf Tage nicht das Haus, schreibt seinen Roman zu Ende und lässt seine Verletzung mit den Tantiemen behandeln. Dann arbeitet er wieder, schreibt wieder. Er sagt:
„Die letzten Monate haben uns gelehrt, dass man das Leid mit Geduld lindern kann, dass Glück, Freiheit und Freude nichts mit Geld zu tun haben. War unser Leid diese wertvolle Information nicht wert?“
Später wird er, wie Sie wissen, erfolgreich. Ein Buch nach dem anderen wird veröffentlicht. Innerhalb kürzester Zeit wird er weltweit bekannt und zählt zu den Klassikern des Jahrhunderts. Schlicht und mit klarer Beobachtungsgabe beschreibt er den Krieg, den Faschismus im Alltag, die Zerstörung, die Armut, Krankheiten, allgemeines Leid und die Aufgewühltheit einer aufgelösten und aus den Fugen geratenen Gesellschaft. Gewöhnliche Menschen, Kämpfer, Kinder, Waisen, Kriegsversehrte, Witwen, die ihren Verstand verloren haben…
Wenn er schreibt, finden seine Bücher reißenden Absatz und wenn sie knapp werden, schreibt er neue. Von der Trümmerliteratur wendet er sich der deutschen Wohlstandsgesellschaft und den staatlichen Institutionen zu, die die individuelle Freiheit einschränken. Er ruht nicht und führt die Moral der Freiheit gegen die herrschende Moral ins Feld. Das sorgt für Erschütterung, diese hindert aber nicht daran, dass er einen Literaturpreis und einen Menschenrechtspreis nach dem anderen erhält. Der Nobelpreis wird ihm „in Anerkennung dafür, dass er während er die Katastrophe des kleinen Mannes, das Leid und die Hoffnung bearbeitete, seinen Stift als Lanze gegen die Autorität, die Gewalttätigkeit, das Schuldbewusstsein und den Hass verwendete und dabei Ehrlichkeit, persönliche Integrität und prinzipielle Moderne walten ließ“, verliehen.
Deswegen nennt man ihn „den letzten Heiligen der Literatur. …“Bei der Bestimmung des Wertes einer Demokratie ist die Messlatte in den Händen der Autorität“. Weil er dafür sorgte, dass die Welt sieht, dass es auch noch ein anderes Deutschland gibt, galt er als „Symbol für das nationale Gewissen“.
Ein Gewissen, das aufrecht blieb bis in den Tod.
Wenn Sie sein Leben dergestalt betrachten, sehen Sie, dass seine Bemühungen für die Menschenrechte die Seiten seiner Romane füllen. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller ist er ein einflussreicher, ein politischer Mensch, der Anwalt der „kleinen“ Leute und das Symbol einer moralischen Haltung gegen jede Art von Gewalt geworden. Die Meinungsfreiheit hat er überall und jedem gegenüber verteidigt. Obgleich er in der Sowjetunion sehr populär war, unterstützte er Schriftsteller wie Solschenizyn und Sacharow. Wegen des Prozesses gegen Angela Davis startete er einen Aufruf an die Amerikanische Öffentlichkeit. Er hat für die Freilassung des Schriftstellers Kim Chi Ha, der in Korea jahrelang in Einzelhaft saß, eine Kampagne „im Namen der Menschlichkeit“ begonnen. Er demonstrierte gegen das Militärregime in Polen. Er war gegen den Angriff der USA in Nicaragua. Das sind nur kleine Beispiele. Böll ist bei Rechtsverletzungen, egal wo in der Welt, immer eingeschritten.
Und das war noch nicht einmal einfach. Als in den 1970er Jahren in Deutschland die Militanten der RAF erneut gegen faschistische Strukturen aufbegehrten, gab es viele Menschenrechtsverletzungen im Namen des Antiterrorkampfes. Aber Böll gab natürlich nicht auf. Aktiv Kämpfte er dagegen, dass die individuellen Freiheiten durch die staatlichen Sicherheitskräfte mit unterschiedlichen Ausreden behindert wurden und dass die Presse durch erlogene oder übertriebene Nachrichten das Leben eines Menschen auf den Kopf stellen konnte. In seinem Werk „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ beschreibt er, wie eine Frau von den Medien und der Polizei als Terroristin bezeichnet wird und ihr Leben dadurch überschattet wird. Dann passiert natürlich das, was wir uns denken können. Das Haus des berühmten Schriftstellers wird in Brand gesetzt, bei einer Operation gegen Mitglieder der RAF wird auch sein Haus durchsucht, die konservative Presse bezeichnet ihn als den ideellen Vater des Terrorismus und beginnt einen Kampagne gegen ihn. Sie wissen, die Geschichte wiederholt sich stets. Breite Schichten der Gesellschaft solidarisieren sich mit Böll. Der Heilige der Literatur gibt nicht auf und wo immer er ein Wehgeschrei hört, reicht er seine Hand...es heißt, dass er sich vor allem junger Autoren besonders angenommen habe. Er hat sie in sein Haus eingeladen, ihnen alle Möglichkeiten eingeräumt, sie bekannt gemacht, den Weg aufgezeigt...
Es scheint, dass der Tod Heinrich Bölls eine Zusammenfassung seines Lebens war. 1985 fiel er in seinem Bauernhaus in Langenbroich die Treppe hinunter, als er sich beeilte, Gästen die Tür zu öffnen. Sie können sich sicher vorstellen, dass er eine würdige Beerdigung hatte. Viele Menschen, Schriftsteller, Politiker, Bürgermeister, der Staatspräsident… Schulen, Straßen und Gassen wurden nach Heinrich Böll benannt.
Später wurde auf Initiative seiner Freunde die Heinrich Böll Stiftung gegründet und das Bauernhaus, in dem dieser liebenswerte Mensch wohnte, sich mit vielen Schriftstellern traf und schöne Bücher schrieb, für Autoren aus aller Welt geöffnet. Sie alle hinteließen ihre Spuren in dem Haus, ein Andenken. Beim durchstöbern der Bibliothek bin ich sogar auf einen Brief aus der Zeit des 12. September von den Gefangenen des Friedensvereins gestoßen…
So ist es! Heinrich Böll hat gesehen und gezeigt wohin Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Militarismus führen und in seinem eigenen Leben nicht das kleinste Stückchen zugelassen. Er hat uns immer noch viel zu sagen, oder? Dieses einfache Poster, das über der Messleiste angebracht ist, sagt uns auch, dass wir den Frieden nicht von da aus erreichen können, wo wir sitzen, sondern dass wir aufstehen müssen.
Wenn man aufsteht, kann man entweder davongetragen werden, manchmal aber sich nicht bewegen. Aber auch dazu hat der Meister etwas zu sagen. Ich habe das in die Ecke meines Heftes geschrieben:
„Geduld! Vielleicht erleben wir schlechte Zeiten. Aber ich weiß, was ich will. Indem ich mit beiden Füßen auf dem Boden bleibe..."








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